Eine wahrhaft königliche Kunst

 

Bei der Untersuchung des Begriffs "König" haben wir in unserer Betrachtung den Bereich der Bibel unberücksichtigt gelassen. Im Calwer Bibellexikon (sechste Auflage 1989, Spalte 748) finden wir folgende Zuordnung:

Die Vorstellung, daß Gott selbst König sei, scheint in Israel erst seit der Staatenbildung und dem Aufkommen des israelischen und judäischen Königstums betont worden zu sein 1. Samuel 12,12. In älterer Zeit hatte man genug andere Ehrennamen für Gott, als daß man diesen schillernden, kanaanäisch gefärbten und halbmythischen Begriff verwandte. Das älteste prophetische Zeugnis für die Anwendung des Königstitels auf Gott finden wir Jesaja 6,5. Die Bezeichnung häuft sich bei Jeremia 46,18; 48,15; 51,57 und in den Psalmen 5,3; 44,5; 84,4; 98,6; 145,1. Der Königstitel für Gott dürfte demnach besonders im Jerusalemer Tempelkult gebraucht worden sein. Von der Königsherrschaft Jahwes redet, wie erwähnt, erst die nachexilische Chronik 1. Chronik 17,14; 28,5. Das Bild vom sakralen König ist dann übertragen worden auf den kommenden König der Heilszeit Jeremia 30,9; Hesekiel 37,24; Sacharja 9,9. Wie im Alten Testament, so wird im Neuen Testament Gott und nun Jesus Christus selten als König bezeichnet 1. Timotheus 1, 17; Johannes 18,37. Dagegen wird häufig auch die neue Gemeinschaft, die durch Jesus entsteht, als Königsherrschaft Gottes bezeichnet.

Mit diesem Wissen könnten wir nun "königliche Kunst" in "göttliche Kunst" übersetzen, doch das wäre vermessen. Gott ist vollkommen, der Mensch ist es nicht und wird es nie werden. Kein Mensch kann daher göttliche Kunst ausüben. Auch bezieht sich die Freimaurerei nur auf das Menschsein und abstrahiert lediglich symbolisch mit der Transzendenz den religiösen Bereich. Wenn wir unsere bisherige Zuordnungen mit in das Kalkül einbeziehen, kommen wir aber zu einer einleuchtenden Übertragung: Es ist die Kunst des Strebens nach der Vollkommenheit.

Wie wir festgestellt haben, ist der Kern der freimaurerischen Geisteshaltung eine spezielle Denkstruktur, auf welche die Freimaurerei nicht unbedingt Alleinvertretungsanspruch hat. Dieser Kern ist lediglich in der Freimaurerei mit überlieferten Formen der symbolischen Wissensvermittlung umgeben. Es ist daher zulässig, wenn wir die Aussage, "Freimaurerei war immer", am tragenden Kern untersuchen. Was kann immer sein? Eigentlichen nur etwas, das in sich selbst existent ist. Was ist nun aber "in sich selbst existent"? Die Antwort lautet: Etwas, das jedes intelligente Wesen (auch wenn es im tiefen Weltall in anderer Lebensform ausgebildet ist) durch Überlegung herausfinden oder beschreiben kann.

Alle Regeln und Axiome der Mathematik bzw. Geometrie und Algebra sind z. B. in sich selbst existent. Beispielhaft angeführt seien hier die irrationalen Zahlen. Sie werden eingeteilt in algebraische und transzendente Zahlen. Eine algebraische Zahl ist jede Zahl, die sich als Lösung einer algebraischen Gleichung ergibt; das sind alle aus Wurzelausdrücken zusammensetzbaren Zahlen, z. B. √ (2) + √ (3). Alle nicht algebraischen Zahlen heißen transzendente Zahlen, z. B., "pi", "e", die Logarithmen, die meisten Werte der Winkelfunktionen. Die irrationalen Zahlen lassen sich durch unendliche nichtperiodische Dezimalzahlen beliebig genau angeben. Die Kreiszahl "pi" z. B. macht es möglich, Umfang und Fläche von Kreisen und Oberflächen und Volumen von Kugeln, Zylindern und Kegeln zu bestimmen. Die exakte Größe der Zahl "pi" kennen wir nicht. Wir können sie aber in der Darstellung beliebig genau annähern. Schon 2600 v.Chr. waren alle Hilfsmittel zur Berechnung der Kreiszahl vorhanden. Zwischen 1900 und 1600 v.Chr. rechnete man mit dem Näherungswert 3+1/8=3,125. Um 1650 v.Chr. verbesserte man diese Näherung und benutze die Formel: (16/9)²=3,1604, um das Volumen von zylindrischen Kornspeichern zu berechnen. Schon in der Bibel wird die Zahl "pi" als Annäherung an die Zahl 3 im Zusammenhang mit der Tempelausstattung indirekt erwähnt: "das Meer, gegossen, von einem Rand zum anderen zehn Ellen weit..., und eine Schnur von dreißig Ellen war das Maß ringsherum." Der Mathematiker Archimedes Sykarus (287 - 212 v.Chr.) fand schon eine bis zu zwei Nachkommastellen genaue Näherung: 31/7>pi>310/71. Im Mittelalter bestimmte François Viète durch die Zeichnung eines Vieleckes die Zahl "pi" auf neun Nachkommastellen. 1665 fand Newton noch weitere vier Stellen. Das Symbol für die Zahl "pi" taucht übrigens zum ersten mal 1647 auf.

 

Erde, Luft und Wasser sind voller Lebewesen, aber von den Menschen abgesehen verändern sich die Geschöpfe kaum oder doch nur in langen Zeiträumen. Farne wachsen und Fische schwimmen genauso, wie sie es taten, lange bevor es Menschen gegeben hat. Die betriebsamen Ameisen sind im Dienste der Selbsterhaltung und Fortpflanzung noch immer auf die gleiche Weise tätig wie zu der Zeit, als die Dinosaurier herrschten. Nur der Mensch hat im Verlauf seiner kurzen Geschichte sowohl die Welt wie sich selber verwandelt. Zielbewußte Umgestaltung durch Denken ist die nur ihm eigene Fähigkeit. Er ist der Homo sapiens, der Denkende.

Alle bedeutenden Kulturen sind Offenbarungen dessen, was der Menschengeist vermag. Beim Rückblick auf die Geschichte menschlicher Bildung ist es erhebend zu sehen, wie oft in entlegenen Ländern, bei rohen Völkern und in Zeiten der Unterdrückung und Gewalt große Geister erstanden sind. Wie wundervoll ist es z. B., inmitten einer blutigen, unter der Knechtung der Gedankenfreiheit stöhnenden Epoche einem ungetrübten, reinen, an Naturforschung und Dichtkunst hingegebenen Geist zu begegnen oder unter denkfaulen Kleinbürgern oder dumpf verdrossenen, erdgebundenen Bauern einen machtvollen Intellekt am Werke zu sehen, welcher der abstrakten Welt der Zahlen ihre Geheimnisse abringt, kühne Erfindungen macht oder den Bau des Universums zu deuten versucht.
 

 

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